Zwischen Dankbarkeit und Ohnmacht – ein Rückblick auf das erste Halbjahr 2026
- Michael Heger
- vor 4 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Zwischen reparierten Klinikmotoren, erfolgreichen Spendenaktionen und der erneuten Eskalation des Kriegs im Libanon wurde immer wieder spürbar, wie nah Hilfe und Hilflosigkeit beieinanderliegen. Wir blicken zurück auf sechs intensive Monate – und sagen Danke an alle, die unsere Arbeit auf irgendeine Weise unterstützt haben.

Januar: Die Klinik fährt wieder, Lebenspakete spenden Wärme
Wir sind mit einer guten Nachricht ins Jahr gestartet: Kurz vor Weihnachten hatte ein Motorschaden die medizinische Versorgung in den Camps unterbrochen. Dank eurer schnellen Unterstützung war der Motor Anfang Januar repariert. Schon beim ersten Einsatz danach konnte Dr. Ali 32 Patient:innen versorgen.
Wollt ihr wissen, wer Dr. Ali ist? Die Antwort darauf findet ihr in diesem kurzen Video.
Wenig später durften wir unser Winter-Crowdfunding erfolgreich abschliessen: 22’500 Franken von 92 Unterstützer:innen. Mit dem Geld wurden Lebenspakete für geflüchtete Menschen in Syrien und im Libanon geschnürt. Da immer weniger Hilfe diese Gebiete erreicht, fehlt es vielen Familien an allem: Essen, medizinischer Versorgung, Heizmaterial und Hygiene. Mit jedem Lebenspaket konnten wir gemeinsam Wärme und Hoffnung schenken.

Februar: Ein Abend voller Musik und Solidarität
Andrea und Adrian von Herz & Kohle organisierten im Millers Zürich ein Benefizkonzert mit Evelinn Trouble. Dabei kamen über 5000 Schweizer Franken zusammen. Das Geld fliesst in unsere Projekte in Yarmouk, einem zerstörten Stadtteil von Damaskus – in Lebensmittelpakete und medizinische Grundversorgung.
Hier seht ihr Samir bei einer Verteilaktion in Yarmouk.
März: Der Krieg eskaliert erneut
Dann kam der März. Der Krieg im Libanon eskalierte erneut. Ganze Dörfer und Stadtteile wurden zerstört, Familien mussten über Nacht fliehen – viele mit nicht viel mehr als dem, was sie gerade am Körper trugen. Über eine Million Menschen waren plötzlich auf der Flucht.
Für uns wurde noch einmal klarer, was es bedeutet, vor Ort zu sein: nicht abstrakt, nicht aus der Distanz, sondern mit Menschen, deren Namen, Gesichter und Geschichten wir kennen.
Der Fotojournalist Jonathan Labusch hatte kurz zuvor noch unsere Arbeit dokumentiert: die mobile Klinik, die Schule, die Hilfe für syrische Geflüchtete und libanesische Familien in Not. Wenige Tage später dokumentierte er den Krieg. Dieselben Orte, dieselben Menschen – aber eine völlig andere Realität.
Hier ein paar seiner Bilder:
In dieser Situation mussten wir schnell reagieren. Und genau hier liegt die Stärke von Borderfree: Wir sind klein genug, um flexibel zu bleiben, und nah genug dran, um zu wissen, wo Hilfe wirklich gebraucht wird. Wenn heute Lebensmittel nötig sind, helfen wir mit Lebensmitteln. Wenn morgen Medikamente dringender sind, organisieren wir sie. Wenn Familien nicht mehr erreicht werden können, suchen wir andere Wege.
April: «Libanon – der vergessene Krieg»
Im April haben wir den Live-Talk «Libanon: Der vergessene Krieg» organisiert. Mit Dr. Nada Awada, Dr. Eduard Tschan und unserer eigenen Perspektive wollten wir dem Raum geben, was in der öffentlichen Debatte oft fehlt: Kontext, Erfahrung und die Stimmen der Menschen vor Ort.
Auf YouTube findet ihr das Gespräch mit Untertiteln auf Deutsch und Englisch.
Mai: Die Arbeit vor Ort geht trotz Krieg weiter
Gleichzeitig ging unsere tägliche Arbeit weiter. Im Libanon blieb die mobile Klinik im Einsatz. Unser Team behandelte Patient:innen mit Fieber, Husten, Hautinfektionen und Erschöpfung. Der fünf Tage alte Loai wurde untersucht, seine Eltern wurden beraten. Die kleine Sanaa, erst sechs Monate alt, wurde Teil dieser stillen, konkreten Arbeit, die keine Schlagzeilen macht – aber für Familien alles bedeuten kann.
Auch in unserer Zahnklinik wurden weiterhin Patient:innen behandelt, die sich sonst keine Versorgung leisten könnten. Und mitten im Krieg blieb auch unsere Schule ein Ort der Hoffnung.

Juni: Ein neuer Schritt – Bargeldhilfe
Im Juni haben wir einen neuen Schritt gewagt: Bargeldhilfe. Zusammen mit Rana, unserer Partnerin im Libanon, unterstützen wir besonders bedürftige Familien direkt mit Geld. Rana kennt viele dieser Familien seit Jahren. Sie weiss, wer krank ist, wer allein Kinder grosszieht, wer keine Miete mehr zahlen kann, wer Medikamente braucht und wer auf der Flucht alles verloren hat.
Bargeldhilfe bedeutet für uns nicht: Geld geben und wegschauen. Es bedeutet: sorgfältig auswählen, dokumentieren, Vertrauen schenken – und Menschen nicht bevormunden.
Warum wir uns für Bargeldhilfe entschieden haben, erfahrt ihr auf unserem Blog.
Was bleibt: die Menschen hinter den Projekten
Wenn wir auf diese sechs Monate zurückblicken, sehen wir nicht einfach Projekte. Wir sehen die Menschen dahinter.
Wir sehen den kleinen Loai. Wir sehen Sara, die mit einer Behinderung unter schwierigsten Bedingungen lebt. Wir sehen Aseel im Camp. Wir sehen Mütter, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder durch den Winter bringen sollen. Wir sehen Ärzt:innen, Lehrer:innen, Partner:innen und Volunteers, die trotz Erschöpfung weitermachen.
Und wir sehen euch.
Denn nichts davon wäre möglich ohne eure Spenden, euer Teilen, euer Vertrauen, eure Nachrichten und eure Solidarität. Ihr habt geholfen, dass eine Klinik wieder fährt. Dass Familien den Winter überstehen. Dass Kinder lernen können. Dass Medikamente ankommen. Dass Menschen in Momenten grösster Unsicherheit nicht allein bleiben.
Das erste Halbjahr 2026 war hart. Aber es hat auch gezeigt, was möglich ist, wenn Menschen nicht wegschauen.
Danke, dass ihr Teil davon seid.
Gemeinsam sind wir Borderfree.

















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