Drohnenlärm und Feuerwerk

Aktualisiert: 12. Aug.

Die Anspannung im Libanon ist spürbar. Doch aller Angst zum Trotz bleiben die Menschen nicht zu Hause. Sie gehen ihren täglichen Verpflichtungen nach und versuchen, sich ein Stück Normalität zu bewahren. Vanja berichtet von ihren Begegnungen in einem Land, das einmal mehr zwischen Hoffnung auf Frieden und Eskalation schwankt.
«What the hell are you doing here?»
Der Taxifahrer schaut mich fragend an, nachdem wir eine ganze Weile schweigend durch Dahiyeh gefahren sind, einem Stadtteil von Beirut, in dem etliche zerstörte Gebäude von den israelischen Luftangriffen zeugen.
Was zur Hölle machst du hier?
Ich verstehe seine Frage. Über der Stadt kreisen Drohnen. Ihr stetiges Geräusch begleitet mich durch den Tag und manchmal auch durch die Nacht. Es zerrt an den Nerven. Alles fühlt sich an wie ein Pulverfass, das jeden Moment explodieren könnte.
Und trotzdem geht das Leben weiter.
Die Menschen gehen zur Arbeit. Sie treffen Freund:innen. Sie sitzen in Cafés. Sie versuchen, sich ein Stück Normalität zurückzuholen.
Die Gräben werden tiefer
Eine Freundin zeigt mir das Beiruter Viertel Achrafieh. Sie stammt aus einer christlich geprägten Familie und zieht Parallelen zum Bürgerkrieg. Ihr Eindruck: Immer mehr Menschen ziehen sich in ihre eigene Religionsgemeinschaft zurück. Das Vertrauen schwindet. Die Gräben werden tiefer.
Auch im schiitisch geprägten Dahiyeh spüre ich das Misstrauen.
«Auf welcher Seite stehen Sie?», fragt mich eine Frau, nachdem ich mit ihr über ihre Lebenssituation, die Bombardierungen und ihre Sorgen und Ängste gesprochen habe. Es ist nicht das erste mal, dass mich jemand für eine Spionin hält, die Informationen sammelt.
Über religiöse und politische Grenzen hinweg höre ich immer wieder denselben Wunsch: Die Menschen wollen einfach in Ruhe leben. Sie möchten wissen, dass ihre Kinder sicher sind. Sie möchten planen können. Doch niemand weiss, wie es weitergeht.
In den Gesprächen vermischen sich Nachrichten, Gerüchte und Ängste. Wem kann man noch trauen? Wird sich der Konflikt weiter ausbreiten? Welche Gruppe wird wie reagieren?
Die Unsicherheit bietet einen idealen Nährboden für Spekulationen.
Menschen erzählen mir, dass viele Familien Waffen zu Hause hätten. Als mir jemand berichtet, dass in der Nähe von Chtoura ein Konflikt zwischen einem Schiiten und einem Sunniten tödlich geendet habe, wird mir angst und bange.
Ich kenne aus Bosnien, wie wenig es in einer aufgeladenen Situation manchmal braucht, damit ein Konflikt eskaliert.
Auf einer Strasse sehe ich einen Mann, der aus einem grossen Geländewagen eine iranische Flagge schwenkt. Eine Strasse weiter stehen mehrere Militärfahrzeuge.
Ein Land der Gegensätze
Auch die wirtschaftliche Situation wird immer schwieriger. Die Preise steigen weiter. Die Menschen können sich immer weniger leisten.
Gleichzeitig verbringen zahlreiche Libanes:innen aus der Diaspora ihre Sommerferien in der Heimat. Auf den Dachterrassen Beiruts tanzen Menschen zu House-Musik. Es gibt Cocktails und Feuerwerk. Gefeiert wird bis in die frühen Morgenstunden.
Der Libanon war schon immer ein Land der Gegensätze.
Im Moment liegen diese besonders nah beieinander: Angst und Lebensfreude. Armut und Luxus. Misstrauen und Gastfreundschaft.
Ein Mädchen, das wieder frei sein möchte
Vor diesem volatilen und manchmal chaotischen Hintergrund versuche ich, ein Stück Normalität und Mitmenschlichkeit zu schaffen.
Eine Bekannte aus Deutschland hatte mir von einem 15-jährigen Mädchen erzählt, das eine wichtige Operation benötigt. Ihre Familie kann die Behandlung nicht bezahlen.
Ich besuche sie in der Wohnung ihrer Familie. Ihren Namen nenne ich nicht, um ihre Privatsphäre zu schützen.
In perfektem Englisch erzählt sie mir, dass sie früher oft Basketball spielte und mit Freund:innen ins Einkaufszentrum ging. Heute seien diese Orte entweder zerstört oder aus Sicherheitsgründen abgesperrt.
«Ich hasse den Libanon», sagt sie. «Ich möchte einfach frei sein.»
Dann erzählt sie mir von den Geschwüren an ihrem Körper, die regelmässig entfernt werden müssen. Weil die Familie sich das Krankenhaus nicht leisten kann, besucht sie kleinere Ambulanzen. Die Eingriffe kosten dort weniger - auch weil sie nur unter lokaler Betäubung durchgeführt werden
Bei der letzten Operation habe sie alles mitbekommen, sagt sie. Ein wenig Stolz liegt in ihrer Stimme. Vielleicht ist es ihre Art, ihr Versuch, die Kontrolle über etwas zurückzugewinnen, das sie sich nicht ausgesucht hat.
Drei Eier für eine Familie
Ein paar Tage später besuche ich mit Nassib eines der vielen Camps für geflüchtete Menschen.
In einem kleinen Laden steht ein Mann an der Kasse. In seinen Händen hält er drei Eier. Er fragt nach dem Preis.
Zu Hause warten seine Frau und seine beiden Söhne. Doch für mehr reicht das Geld nicht.
Wir fragen ihn, was er sonst noch braucht.
«Nichts», antwortet er.
Nassib und ich kaufen ihm Öl, Reis, Brot und Waschmittel. Für seine beiden Söhne nehmen wir auch Glace mit.
Es ist keine grosse Hilfsaktion. Keine lange vorbereitete Verteilung. Nur eine alltägliche Begegnung.
Doch genau solche Momente bleiben im Gedächtnis. Und geben Hoffnung.
Raum für neue Möglichkeiten
Neben diesen Begegnungen arbeite ich an der Zukunft von Borderfree. Ich besuche aktuelle und potenzielle Projektstandorte, führe Gespräche und entwickle unsere bestehenden Projekte weiter.
Ganz besonders freue ich mich darauf, noch in diesem Monat eine neue Schule im Libanon eröffnen zu können.
Diese Woche habe ich die Räumlichkeiten besichtigt.
So viel Raum. So viel Potenzial. So viele Möglichkeiten.

Die neue Schule wird unsere bisherige Arbeit im Bildungsbereich deutlich erweitern. Ich habe bereits mit den Lehrerinnen gesprochen. Vielleicht können wir später sogar wieder Volunteers einbeziehen.
Doch ich möchte noch nicht zu viel versprechen. Zuerst müssen die letzten Fragen geklärt werden. Erst wenn alles wirklich steht, werde ich euch mehr erzählen.
Auch im medizinischen Bereich stehen wichtige Gespräche bevor. Daraus könnten neue Projekte und Partnerschaften entstehen, die unsere Arbeit langfristig stärken.
In einer Situation voller Unsicherheit fühlt es sich manchmal vermessen an, Pläne für die Zukunft zu schmieden.
Doch genau das ist es, was mich an den Menschen im Libanon besonders beeindruckt: der entschlossene Versuch, aller Widrigkeiten zum Trotz durchzuhalten und weiterzumachen.
Denn Träumen ist erlaubt. Und manchmal ist genau dies der erste Schritt zu einem längerfristigen Wandel.
Gemeinsam sind wir Borderfree.
Herzlich Vanja





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