Mit Bargeld schnell, flexibel und effektiv auf Notlagen reagieren
- Michael Heger
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Bargeldhilfe wirft Fragen auf und löst Skepsis aus. Warum wir uns entschieden haben, erstmals im Libanon bedingungslose Bargeldhilfe zu leisten. Worauf wir dabei achten. Und warum diese Art von Hilfe besonders effektiv und würdevoll ist.

Massive Zerstörung, eine bröckelnde Waffenruhe und riesige Fluchtbewegungen prägen den Libanon. Und das alles vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise, die in der neueren Geschichte ihresgleichen sucht. Die Not ist gross, die Lage unübersichtlich und unsicher.
Wie hilft man am besten in so einer Situation?
Seit Jahren sehen wir immer wieder, dass es Situationen gibt, für die kein Hilfspaket passt. Eine Mutter, deren Kind heute Antibiotika braucht, hat keinen Vorteil von einem Sack Reis. Ein Vater, dem in zwei Wochen die Wohnung gekündigt wird, kann mit Hygieneartikeln keine Mietschulden begleichen. Eine ältere Frau, die im Februar friert, braucht keine Beratung. Sie braucht Brennholz.
Genau für solche Fälle setzen immer mehr Organisationen — vom UNHCR über das Rote Kreuz bis zur DEZA — auf direkte Bargeldhilfe. Diese Unterstützung besonders verletzlicher Familien in Form von Geld hat sich als eine der effektivsten Formen der Hilfe herausgestellt.
Was heisst «bedingungslose» Bargeldhilfe?
Bedingungslose Bargeldhilfe klingt zunächst so, als würde man einer Familie Geld geben und dann nicht mehr hinschauen. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Wir wählen die Familien, die Hilfe erhalten, sehr sorgfältig aus. Dazu arbeiten wir mit Rana zusammen, unserer libanesischen Partnerin vor Ort. Sie kennt die betroffenen Haushalte oft seit Jahren und steht in persönlichem Kontakt mit ihnen. Berücksichtigt werden insbesondere alleinerziehende Mütter, ältere Menschen ohne Einkommen, Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen, vertriebene Familien sowie Haushalte ohne andere Unterstützung. Jede Auszahlung wird dokumentiert.
Was wir bewusst nicht vorschreiben, ist die Verwendung. Eine Familie weiss am besten, ob heute die Antibiotika für das fiebernde Kind dringender sind oder die Stromrechnung, deren Frist morgen abläuft. Diese Entscheidung gehört nicht uns. Sie gehört der Familie.
Drei Sorgen, die wir ernst nehmen
"Wird das Geld nicht für Alkohol und Tabak ausgegeben?"
Das ist der häufigste Einwand und gleichzeitig der menschlichste. Diese Sorge ist nicht zynisch, sie ist nachvollziehbar. Studien aus über zehn Jahren humanitärer Forschung zeigen dennoch konsistent dasselbe Bild: Familien in akuter Not verwenden Bargeldhilfe für das, was unter Druck zuerst wegbricht — Nahrung, Medikamente, Miete, Schulgeld, Rückzahlung von Schulden. Seriöse Studien finden keinen systematischen Missbrauch.
Die ehrlichere Frage ist eine andere. Warum trauen wir Menschen in der Schweiz selbstverständlich zu, ihren Lohn vernünftig auszugeben, und im Libanon nicht? Wer in Bedrängnis ist, weiss sehr genau, was ihm fehlt. Eine Mutter, deren Kind seit drei Tagen Fieber hat, kauft nicht Süssigkeiten. Sie geht in die Apotheke. Eine Familie, die im Februar friert, kauft keinen Schmuck. Sie kauft Brennholz.
"Macht Bargeldhilfe nicht abhängig?"
Auch dieser Mythos hält der Empirie nicht stand. Im Gegenteil: Bargeldhilfen kurbeln dort, wo sie ankommen, die lokale Wirtschaft an. Familien kaufen beim Bäcker um die Ecke, in der Apotheke nebenan, im kleinen Laden des Dorfes. Das Geld bleibt im Quartier, statt in eine Lieferkette zu fliessen. Das libanesische Rote Kreuz nennt diesen Effekt ausdrücklich als einen der Hauptgründe, warum es selbst auf Bargeldhilfe setzt.
Hinzu kommt: Wer Mietschulden begleicht, bevor die Räumung kommt, oder Medikamente kauft, bevor eine Krankheit eskaliert, verhindert Abhängigkeit. Bargeldhilfe ist oft das, was eine Familie davor bewahrt, in eine Spirale aus Schulden, Krankheit und Vertreibung zu rutschen.
"Führt Bargeldhilfe zu Inflation?"
Diese Sorge wurde von Ökonom:innen weltweit untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig: Bargeldhilfen in der Grössenordnung, in der humanitäre Organisationen arbeiten, erzeugen keine Inflation. Sie gehen an die ärmsten Haushalte einer Region, deren Gesamtnachfrage zu klein ist, um Marktpreise zu bewegen. Was sie tatsächlich tun, ist Kaufkraft zurückgeben, die durch die Krise verlorengegangen ist.
Warum wir es trotzdem tun
Die internationale Erfahrung ist eindeutig — UNHCR, das Rote Kreuz, die DEZA und viele andere setzen seit Jahren auf direkte Bargeldhilfe, wo Märkte funktionieren. Wir erfinden also nichts Neues. Wir nutzen, was sich anderswo bewährt hat, und passen es an unsere Grösse und unsere Möglichkeiten an.
Mit bedingungsloser Bargeldhilfe ermöglichen wir Menschen, flexibel, schnell und selbstbestimmt auf Notlagen zu reagieren. Ihre Bedürfnisse sind individueller, als Hilfsgüter sein können. Und niemand kennt ihre Probleme besser als die betroffenen Menschen selbst.
In einem ersten Schritt unterstützen wir 100 sorgfältig ausgewählte Familien mit je 150 US-Dollar. Das sind nicht alle, die wir gerne erreichen würden. Aber es ist die Grösse, in der wir sauber, dokumentiert und transparent arbeiten können — und in der wir selbst lernen können, was diese Form der Hilfe für Borderfree bedeutet. Wenn dieser erste Schritt gelingt, wird er nicht der letzte sein.
Bargeldhilfe verlangt von uns mehr Vertrauen, als ein Hilfspaket je erfordern würde. Doch sie ermöglicht uns, Menschen an Orten erreichen, an denen es momentan zu gefährlich ist, hinzugehen. Und sie ist die effektivste und würdevollste Form humanitärer Hilfe in einem Land, in dem nicht die Güter fehlen, sondern die Möglichkeit, sie zu erreichen.




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